Lernen lernen
Förderung eigenverantwortlichen Arbeitens der Schüler/innen an der Staatlichen Fachoberschule und Berufsoberschule Fürth
   
  Projekt "Lernen lernen" – ein Praxisbericht
  Heidi-Maria Hübner
 
1. Pädagogisch-psychologisches Fachwissen von fächerübergreifender Relevanz

Ziel eines zeitgemäßen Unterrichts aller Schularten sollte es sein, die Schüler/innen zu einem selbstständigen und somit lebenslangen Lernen zu befähigen. Die Erfahrung zeigt, dass die Vermittlung von möglichst vielen Einzelfakten den Schülern langfristig nur sehr begrenzt weiterhilft - Wissen hat in vielen Fällen nur noch eine sehr geringe Halbwertszeit. Wenn es also darum geht, die Schüler fit für ihre Zukunft zu machen, haben wir die Aufgaben ihnen anstelle von Einzelfakten Grundstrukturen begreifbar zu machen, auf deren Basis sie sich selbstständig das erforderliche Spezialwissen, das sie in ihrem Studium und/oder Beruf brauchen, aneignen können. Zu solchen Grundstrukturen der Bildung gehört heute auch und vor allem das Wissen über die eigenen kognitiven Fähigkeiten und Funktionen, die sogenannte Metakognition. Je besser wir über unsere kognitiven Voraussetzungen Bescheid wissen, desto besser können wir lernen.

Im Schulartprofil für Fachoberschulen und Berufsoberschulen der derzeit gültigen Lehrpläne wird im Sinne der Anbahnung der Studierfähigkeit die Vermittlung von Lern- und Studiertechniken nebst Stärkung selbstständigen und eigenverantwortlichen Arbeitens der Schülerinnen und Schüler eingefordert. Dem Fach Pädagogik/Psychologie kommt in diesem Kontext besondere Bedeutung zu, da die Psychologie als Basiswissenschaft dieses Faches die entsprechenden fachwissenschaftlichen Erkenntnisse für eine fundierte Aufarbeitung des Themas liefert. Es geht hier z.B. um Fragen der Funktionsweise des Gedächtnisses, des Denkens, der Leistungsmotivation, der Stressbewältigung oder auch den Umgang mit Prüfungsangst, kurzum um alle Faktoren, die das Erleben und Verhalten des Lernenden beeinflussen. Im Unterrichtsfach Pädagogik/Psychologie, das für Schüler/innen der Ausbildungsrichtung Sozialwesen ein Prüfungsfach ist, sind diese Themen fester Bestandteil des Unterrichts. Aufgrund der fächerübergreifenden Relevanz des Themas "effektives Lernen" bietet es sich hier an, über die Grenzen der Ausbildungsrichtung hinaus allen Schülern Impulse für eine kritische Reflexion des eigenen Lernverhaltens zu geben. Je mehr wir über die Funktionsweise unseres Gedächtnisses wissen, desto bewusster und somit effektiver können wir unsere Lernprozesse gestalten.

An der Staatlichen Fachoberschule und Berufsoberschule in Fürth hat sich in den letzten Jahren hierzu ein umfassenden Projekt unter dem Motto "Lernen lernen" entwickelt. Dieses soll hier kurz vorgestellt werden.
 
2. Das Projekt "Lernen lernen" an der Fachoberschule und Berufsoberschule Fürth

Der Ursprung des nun seit etlichen Jahren an der FOS/BOS Fürth laufenden Projektes "Lernen lernen" liegt im Pädagogik/Psychologie-Unterricht der Ausbildungsrichtung Sozialwesen. Nachdem am Anfang der 90er Jahre erstmals eine 12.Klasse mit ihrer Pädagogik/Psychologielehrkraft unter dem Motto "Lernen lernen – Prüfungsvorbereitung mit Köpfchen" eine zweitägige Klausurtagung in einem Schullandheim organisierte, wuchs das Interesse des Kollegiums an diesem Thema. Das berechtigte Anliegen der Kolleginnen und Kollegen lautete: Lernen lernen müssen alle unsere Schüler/innen, nicht nur die des Fachbereichs Sozialwesen. Das Problem bestand jedoch darin, dass in der traditionellen Lehrerausbildung das Thema "Vermittlung von Lern- und Studiertechniken" nur eine untergeordnete Bedeutung hatte und somit die Mehrheit der Kollegen/innen kaum auf Erfahrungen in diesem Bereich zurückgreifen konnten. Im Rahmen einer schulinternen Fortbildung zu zentralen Lern- und Arbeitstechniken wurden deshalb interessierte Kollegen/innen über die wichtigsten fachwissenschaftlichen Ergebnisse zu diesem Themengebiet informiert. Nachdem mittlerweile viele Kollegen eigene Erfahrungen mit der Thematik gesammelt haben, sind wir als Schule seit etwa drei Jahren in der Lage das Projekt "Lernen lernen" für alle unsere Schüler/innen anzubieten.
 
3. Die Konzeption des Projektes "Lernen lernen"

Das Angebot für die Schüler/innen wird entsprechend den verschiedenen Bedürfnissen der Schüler der 11. und 12. Jahrgangsstufe unterschieden. Unser Projekt besteht aus vier Bausteinen:

Baustein 1
Am Beginn der 11. Klasse FOS bzw. 12. Klasse BOS werden grundlegende Lern- und Arbeitstechniken in Form eines fächerübergreifenden Projekttages vermittelt bzw. aufgefrischt.

Inhalte dieses Projekttages sind die Funktionsweise des Gedächtnisses und die sich daraus ergebenden Lerntechniken und Möglichkeiten der Selbstprüfung sowie eine Einführung in die Grundlagen effektiver Gruppenarbeit und das Präsentieren von Ergebnissen.
Das Konzept hierzu haben verschiedene Kollegen/innen der FOS/BOS gemeinsam erarbeitet.

Baustein 2
Die einzelnen Fachgruppen bemühen sich über den Projekttag hinaus das "Lernen lernen" als Unterrichtsprinzip umzusetzen, denn eine einmalige "Showveranstaltung" in Form eines Projekttages würde sicher die Arbeitshaltung der Schüler nicht dauerhaft verändern. Die Integration der Lern- und Arbeitstechniken in den Unterrichtsalltag ist unumgänglich, wenn wir es mit dem Lehren des Lernens ernst meinen. Nur in der Verknüpfung mit den Unterrichtsinhalten macht es Sinn, bestimmte Strategien anzuwenden. Schließlich sind Lern- und Arbeitstechniken als Werkzeuge zu verstehen, die es den Schülern erleichtern sollen, den Lernstoff besser aufzunehmen und zu verstehen. So kommt es z.B. darauf an, regelmäßig Gruppenarbeitsphasen im Unterricht einzuplanen, Arbeitsergebnisse von Schülern entsprechend den am Projekttag erarbeiteten Kriterien präsentieren zu lassen oder einen Überblick über einen Lernstoff z.B. in Form einer Mind-Map zusammenstellen zu lassen. Entsprechend den Möglichkeiten des jeweiligen Faches und den Neigungen der jeweiligen Lehrkraft kann die Integration dieser Techniken in den Unterrichtsalltag sehr unterschiedlich gestaltet sein.

Baustein 3
In der 12. Klasse FOS und BOS findet i.d.R. zum Schul-Halbjahr ein Studientag unter dem Motto "Prüfungsvorbereitung mit Köpfchen" statt. Hier geht es vor allem um die Organisation der Prüfungsvorbereitung, Aspekte des Zeitmanagements und die Bewältigung von Prüfungsangst und Prüfungsstress.

Baustein 4
Seit dem Schuljahr 1999/2000 wird das Projekt "Lernen lernen" durch ein Tutorenmodell ergänzt. Organisiert durch die SMV und begleitet durch ein von der Schule angebotenes Tutorentraining repetieren die Schüler/innen den prüfungsrelevanten Unterrichtsstoff in eigenverantwortlich gestalteten Arbeitskreisen außerhalb der Unterrichtszeiten. Die jeweiligen Fachlehrkräfte haben lediglich eine beratende Funktion und unterstützen die Tutoren bei Bedarf durch die Bereitstellung geeigneter Aufgaben und Materialien.

 
4. Ergebnisse des Projektes

In der 11. und 12. Klasse wurden an den jeweiligen Projekttagen auf der Basis von Fragebögen die Meinung der Schüler/innen zu den Angeboten erfasst.

Die Schüler/innen der 11. Klassen und BOS zeigten sich mehrheitlich recht zufrieden mit dem Verlauf und den Angeboten des Projekttages. Besonders die Betonung der Gruppenarbeit stößt auf sehr positive Resonanz. Überraschend ist, dass die meisten Schüler bezüglich der Lern- und Arbeitstechniken noch wenig Vorerfahrungen haben, obwohl sie bereits mindestens zehn Jahre die Schule besuchen. Die entsprechenden Sachinformationen werden daher von der Mehrheit als sehr hilfreich und interessant eingestuft. Nur einzelne Schüler bewerten den Tag als weniger gewinnbringend.

Obwohl der Projekttag "Prüfungsvorbereitung mit Köpfchen" ein freiwilliges Angebot für die 12. Klassen der Schule ist und dementsprechend in der unterrichtsfreien Zeit stattfindet, nahmen bisher immer etwa 30 bis 40 Prozent der Adressaten teil. Dieses Angebot zur Prüfungsvorbereitung wird von den Schülern sehr geschätzt, was sich z.B. in Danksagungen auf manchem Fragebogen zeigt. Besonders positiv wird hier von den Schülern das persönliche Bemühen der am Studientag beteiligten Lehrkräfte hervorgehoben. Anscheinend ist das Erleben einer persönlichen Unterstützung in dieser von manchem Schüler als recht schwierig empfundenen Prüfungsvorbereitungsphase von besonderer Bedeutung.

Auch die Lehrkräfte, die sich an diesem Projekttag beteiligen, äußern sich überaus zufrieden mit dem Verlauf und den Ergebnissen dieses Tages.

Aus der Perspektive der Kollegen/innen wird immer wieder die positive Erfahrung des Teamteachings betont. Die Zusammenarbeit mit Kollegen über Fächergrenzen hinweg wird von allen als sehr gewinnbringend und entlastend eingestuft.

Allerdings muss auch die "Kehrseite der Medaille" betrachtet werden: Gerade in der Vorbereitungsphase für den ersten gemeinsamen Projekttag waren die beteiligten
Kollegen/innen durch die fachliche Vorbereitung und die zusätzlichen Termine für Teambesprechungen sehr stark belastet.

Die Tutorengruppen berichten in der abschließenden "Feedback-Sitzung" von einer sehr lohnenswerten Arbeit in diesem Schuljahr. Die Mehrzahl der an den Arbeitssitzungen regelmäßig teilnehmenden Schüler/innen berichten sogar von deutlichen Verbesserungen in den Leistungen der entsprechenden Unterrichtsfächer, vor allem jedoch im Fach Mathematik.
 
5. Schlusswort

Bei den Schülerinnen und Schülern sollen im Rahmen des Projektes "Lernen lernen" Fähigkeiten und Fertigkeiten angebahnt werden, die eine Voraussetzung sind für ein in höherem Maße selbstorganisiertes Lernen. Besonders die Förderung der Schülerselbsttätigkeit mit dem Ziel der Vermittlung von Studierfähigkeit bzw. der Fähigkeit zu eigenverantwortlichen Arbeiten im Beruf ist uns ein zentrales Anliegen in der beruflichen Oberstufe.

Wer etwas lernen will, muss sich auch selbst darum bemühen, Kenntnisse und Fertigkeiten zu erlangen – er muss aktiv werden. Mit dem Projekt "Lernen lernen" wollen wir unseren Schülerinnen und Schülern Wege aufzeigen, wie sie aktiv und bewusst ihre Lernprozesse gestalten können, damit sie den Weg zur Fachhochschulreife bzw. Hochschulreife möglichst erfolgreich gehen.

"Wir können einer anderen Person nichts lehren; wir können nur ihr Lernen fördern."

(Rogers, C.R.: Lernen in Freiheit. Zur Bildungsreform in Schule und Universität. München 1974, S.338)
 
Informationen zum Thema "Lernen lernen"

Eickhorst, Annegret: Selbsttätigkeit im Unterricht. München 1998
Frick, Rene´ und Mosimann, Werner: Lernen ist lernbar. Neusäß 1996
Heidenreich, K. und Lacher,B.(Hg.): Grundwissen Psychologie. Freising 1998
Hobmair, H. (Hg.): Pädagogik/Psychologie für die berufliche Oberstufe. Bd. I. Köln 1998
Klippert, H.: Methodentraining. Weinheim und Basel 1994
Konnertz, Dirk und Sauer, Christiane: Tschüs dann! Arbeitstechniken fürs Abitur. Wien 1996
Metzig, Werner und Schuster, Martin: Lernen zu lernen. Springer Verlag Berlin, Heidelberg, New York 1993
Seiwert, L.:.: Mehr Zeit für das Wesentliche. Landberg/Lech 1993
Wagner-Link,A.: Der Streß. Broschüre der Techniker Krankenkasse. Hamburg 1998
Walter, H.: Denk-Zeichnen. Bayreuth 1995
 
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  hhl:18.03.2001